FOTOobjektiv

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31.10.2011
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Georg D. Rotov: Honeymoon

Post Perestroika – die neue Fotokunst aus dem Osten

Die Entwicklungen in der Fotokunst des Ostens seit dem Jahr 1991 sind ebenso erstaunlich wie vielfältig. Mit dem Siegeszug des Internets schoss eine völlig neue Generation von bis dato unbekannten Fotografen wie Pilze nach dem sprichwörtlichen warmen Regen aus der fruchtbaren Scholle der Fotokunst zwischen Murmansk und Wladiwostok.

Chris Hinterobermaier

Von Minsk bis Irkutsk, von namenlosen Dörfern an der Lena, von Kleinstädten im tiefsten Ural bis zu Metropolen wie Kiew, St. Petersburg oder Moskau spannt sich der Bogen jener Bildartisten, die als digitale Generation mit Verve, technischer Sicherheit und einem hohen Maß an Kreativität die Möglichkeiten der virtuellen Realität für ihre Kunst der Fotografie nutzen. Vor allem die im Osten äußerst populären Communities wie photosight.ru oder photodom.com haben es Einsteigern ermöglicht, rasch und unkompliziert ihre Werke anderen zugänglich zu machen.
Topqualität setzt sich unter den Umständen des freien Wettbewerbes ebenso durch, wie es auch die Plattform des Internets gestattet, sich der ungenierten, unzensierten und freilich auch nicht immer kompetenten Kritikermeinung aller auszusetzen. Die Motivwelt der Post-Perestroika-Generation hat sich gegenüber jener der kommunistischen Epoche entscheidend gewandelt. Stand früher das dokumentarische Element und die Schwarz/weißfotografie im Vordergrund, so gilt heute die Farbfotografie und die kreative Bildbearbeitung mittels Photoshop als Standard. Wie anderswo auch hat sich die analoge Fotografie ins historische Museum zurückgezogen. 98 Prozent aller Fotos entstehen heute auf digitalem Wege.
Die Bestandsaufnahme der neuen Fotokunst des Ostens bestätigt diese Vermutungen. Nicht mehr das Einfangen der Realität steht im Vordergrund, die Kunstfertigkeit, ja manchmal auch das Gebären künstlicher Welten rückte in den Fokus der Bemühungen. Nachdem die digitale Bildbearbeitung alles möglich gemacht hat und die Fotografen heutzutage dieselbe künstlerische Freiheit und Grenzenlosigkeit wie ein Maler vor der noch leeren Leinwand empfinden können, liegt es lediglich an der Imagination des Fotografen und der technischen Raffinesse dessen, der die Bilder nachbearbeitet und optimiert, welche kreative Kraft ein Foto auszustrahlen imstande ist.

James Labruyere/Frankreich:Voile de plage

Vladimir Fedotko: Dream

Fotografie ist das Verwenden einer Sprache, die ohne Worte auskommt. Sie appelliert an das Gefühl, an die Leidenschaften des Betrachters und nicht an dessen Verstand. Dies wird besonders dann ersichtlich, wenn sich die Meister der Post-Perestroika-Generation mit zwischenmenschlichen Alltagsituationen auseinandersetzen. Die Welt der beiden Geschlechter, deren Leidenschaften und Kämpfe, steht auch in der neuen Fotokunst des Ostens im Zentrum des Bildschaffens. Die neue Fotokunst aus dem Osten taucht ein in die mannigfachen Schichten und Untiefen einer Gesellschaft, die gelernt hat, sich mit den Gegebenheiten des Alltags zu arrangieren. Die auf die Herausforderungen und wichtigen Fragen des Lebens neue, für sie richtige Antworten gefunden hat. Eingefangen in Bildern, die an Direktheit, Kunstfertigkeit und kreativer Kraft nichts zu wünschen lassen. Das Projekt bietet einen tiefen Einblick in Welten, die uns einerseits unbekannt und andererseits doch so nah sind. Die Bilder zeugen davon, wie viel emotionale Kraft und Kreativität in dieser sich im Aufbruch befindenden Gesellschaft beinhaltet ist.
Die 300 Werke der Ausstellung laden die Betrachter in den Alltag Russlands ein. Sie führen in die Weiten Sibiriens ebenso wie in die Abgründe der russischen Seele. Sie zeugen vom Mief der Provinz und dem Glanz von Moskau. Wir blicken aber auch in jene Regionen, die vor der Perestroika noch eine politische Einheit darstellten. Menschen, Emotionen, Leidenschaften – das Projekt Post Perestroika präsentiert kunstvolle Interpretationen von schwierigen Umständen, aber auch der Leichtigkeit des Seins.
CHH