FOTOobjektiv

Sie befinden sich hier: HOMENewsMagazinFOTOsubjektiv
31.10.2011
Zur Vergrößerung anklicken

Mariya Andriichuk/Ukraine: "Paradise apple"

Post Perestroika: Die neue Revolution in der Fotografie

Die erstaunlichste Entwicklung der Fotokunst der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts passiert im Osten. Waren es zur Jahrtausendwende die Fotografen aus China, die Furore machten, so sind es nun Meisterlichtbildner aus Russland und angrenzenden Staaten, die den State-of-the-art der internationalen Fotokunst bilden. Nirgendwo sonst knistert die Kreativität so deutlich, werden neue Sehebenen entdeckt und brodelt es unter dem Kochtopf der Fotokunst so gewaltig. FOTOsubjektiv blickt erstmals durch das Schlüsselloch der revolutionären Fotografie des Ostens.

Chris Hinterobermaier

Russland hat in der Fotografie traditionell eine wichtige Rolle inne. Jene Erfindung, welche die Flüchtigkeit der optischen Eindrücke dauerhaft zu fixieren imstande war und die ab 1839 die Welt eroberte, war auch im zaristischen Russland hoch willkommen. Endlich war es möglich, auch ohne die Kunst der Maler ein Portrait von sich zu besitzen, ja, sogar die Eindrücke der Welt selbst mit einer Kamera zu dokumentieren.
Frühe Aufnahmen zeigen denn auch die feudale Existenz am Zarenhof, das entbehrungsreiche Leben der Landbevölkerung, das Elend der Arbeiterklasse und schon damals im 19. Jahrhundert die faszinierende und unendlich erscheinende Natur des riesigen Landes.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjet-union und dem Entstehen der Nachfolgestaaten begann auch in der Fotografie eine neue, revolutionäre Epoche. Zu der Zeit als die neuen bzw. wieder entstandenen Staaten ihre Unabhängigkeit feierten, wurde weltweit die analoge Fotografie und mit ihr Dunkelkammer und Film zu Grabe getragen. In das entstehende Vakuum – denn wie anderswo konnten oder wollten sich viele etablierte Fotografen nicht mehr auf die von Pixel und Computer getragene Lichtbildkunst umstellen – drängte eine neue, junge und unbekümmerte Szene. Nicht mehr die sonoren Fotoklubs gaben von nun an in kreativer Hinsicht den Ton an, sondern Fotografen, die das Internet als neue Plattform für ihre Kunst nutzten. Der blitzschnelle Informationsaustausch quer durch alle Richtungen des elf Zeitzonen umspannenden größten Landes der Erde führte zu einem neuen Boom in der Fotografie. Fotocommunities wie photosight.ru oder photodom.com stellen einen unerschöpflichen Pool neuer und innovativer Ideen dar. Die Spielwiese Internet hat in der Post-Perestroika-Epoche jene Regionen virtuell und im Sinne der Fotokunst wieder vereinigt, die seit dem Jahr 1991 politisch voneinander getrennt sind.
Das Internet nimmt keine Rücksicht auf die enormen Ausdehnungen der Fotowelt innerhalb und außerhalb Russland, sondern vernetzt Menschen und Regionen mit Lichtgeschwindigkeit. Natürlich wurde das Internet zu einer erstrangigen Inspirationsquelle für die Post-Perestroika-Generation, doch vor allem lief es umgekehrt; inspirierten die Künstler des Ostens viele andere User. Zu einem wichtigen Faktor wurde die Tatsache, dass die Unendlichkeit des Internets dessen Kontrolle fast unmöglich macht und damit selbst jenen kreativen Köpfen ein Forum geboten wird, die nicht mit den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen konform gehen.
Die digitale Revolution hat auch die Kunstwerdung der Fotografie befeuert. War sie früher als kleine Schwester der Malerei das fünfte Rad am Wagen der Kunst, so hat sie sich Mitte der Neunziger Jahre emanzipiert und wurde in der New Yorker Galerieszene zum neuen Liebkind der Kunsthändler. Waren zuerst alternative Galerien in SoHo die Katalysatoren dieser Entwicklung, eröffneten bald auch die Granden der Szene wie Leo Castelli & Co eigene Fotoabteilungen. Heute wird ein guter Teil der Kunstumsätze im Big Apple mit Lichtbildkunst gemacht. Fotografie ist als Kunstform etabliert und genießt einen hervorragenden Ruf. Diese Entwicklung hat auch vor der Fotokunst des Ostens nicht Halt gemacht. Nicht wenige Künstler der Post-Perestroika-Generation haben denn auch ihr Glück in den USA versucht, wie Sergey Pazharsky, Veselin Valchew oder Irakly Shanidze. Andere, wie Oleg Dou oder Katerina Belkina, zog es nach Paris, um von der traditionellen Kunstmetropole Europas aus mit Ihren Werken Aufmerksamkeit zu erregen.
Die Fotografie des Ostens hat sich von der traditionellen Darstellungsweise weitgehend distanziert. Die jahrzehntelange Dominanz des Schwarz/weißfotos ist Historie. Heute wird fast ausschließlich in Farbe fotografiert. Auffallend ist der selektive und überaus kreative Gebrauch der Farbe, die meist sehr reduziert und die Bildwirkung unterstützend verwendet wird. Doch noch viel augenfälliger als der Wechsel von der Schwarz/weißdarstellung hin zur Färbigkeit ist die stilistische Veränderung der Fotokunst des Ostens in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Seit jeher beschäftigt die Fotografie die Frage, ob sie denn tatsächlich die Realität objektiv abbilde. Denn in Wahrheit ist all das, was wir sehen, nur dass, was man uns sehen lässt. Überspitzt formuliert ist das Objektiv an der Kamera des Fotografen das einzig Objektive in der Kunst der Fotografie. Und selbst hier bestehen Zweifel, denn eine Weitwinkeloptik erfasst von einem Geschehen einen ganz anderen, viel breiter angelegten Ausschnitt, als es ein Teleobjektiv mit seiner verdichtenden Wirkung vermag. Fotografie ist durch und durch manipulierend und bestens geeignet, die Betrachter so zu determinieren, dass sie das Bildgeschehen und die Bildaussage genau so empfangen, wie dies im Sinne des Fotografen ist. Gerade weil wir ihr ob der scheinbaren Realitätstreue fälschlich so viel Objektivität zubilligen, ist die Fotografie ein Medium, dass weit jenseits des sichtbaren Bereiches Wirkungen im Geist des Betrachters zu entfalten imstande ist.
Der kreative Umgang mit der Farbe im Bild ist weniger eine Modeerscheinung, als vielmehr eine notwendige Reduktion in einer Epoche des kreativen Omipotentials. Oxana Zuboff erweist sich darin als Meisterin und ihr Werk "Striped" zeugt davon, dass die Wurzeln der kreativen Fotokunst des Ostens in der Schwarz/weißfotografie liegen. Das konstruktivistisch aufgebaute Werk lässt einzig und allein die Farbe Blau als Ergänzung des grafischen Spektrums zu und gerade in dieser Minimalisierung erreicht das Bild maximale Wirkung.

Nicht anders verhält es sich mit dem an die biblische Eva gemahnenden Aktbild "Paradise apple" von Mariya Andriichuk. Die Fotografin aus der Ukraine hat nicht nur bei der Lichtsetzung alle Register der Studiofotografie gezogen. Die marginale Farbgebung und der intensive Gebrauch verschiedener Werkzeuge von Photoshop ließ diese Apotheose entstehen. In diesem Bild vereinigen sich alle Tugenden der Post-Perestroika-Fotogeneration: die selektive Farbgebung und der durch Bildbearbeitung erreichte Perfektionsgrad. Ein weiteres Erkennungsmerkmal der neuen Fotokunst aus dem Osten ist die am Surrealismus angelehnte Bildästhetik. Svetlana Bobrova liefert nicht zuletzt schon mit dem Bildtitel "Blue wine" ihres Werkes einen Hinweis auf die Provenienz dieser Fotokunst in einer der Traumwelt des klassischen Surrealismus eines Salvador Dali oder Rene Magritte zuzuordnenden Ästhetik. Hier wird an den Grenzen der klassischen Fotografie mit einem Kreativexpander gezerrt, der das Entstehen völlig neuer Bildwelten erlaubt. Nicht anders macht es Katerina Belkina, deren Hommage an den belgischen Surrealistenmeister "For Magritte" dessen Bildelemente zwar zitiert, diese aber weiter in eine eigene Ästhetik entwickelt. Elena Nikolaevna Adamenko schlägt mit ihrem Bild "Morning tea" in dieselbe Kerbe, wenn sich während eines surrealen Frühstücks Körperteile in  Gegenstände wie etwa eine Teekanne verwandeln und sich umgekehrt Gegenstände wie Teetassen. Löffel oder ein Keks scheinbar schwerelos wie an Bord der seinerzeitigen Raumstation "Mir" durch den Raum schweben.Wenn sich die Post-Perestroika-Generation der Motive des Alltags annimmt, dann geschieht dies in einer Weise, die gern eine gewisse Übersteigerung transportiert. Irakly Shanidze gemahnt an Fellinis Zauberfilmwelt, wenn er im Werk "Laundry day" in einem öffentlichen Waschsalon zwei einer ganz anderen Realität angehörende und von dort entrissene Wesen warten lässt.
James Labruyere/Frankreich:Voile de plage

Elena Nikolaevna Adamenko/Russland: "Morning Tea"

Mit den Altlasten der Sowjetunion beschäftigt sich Eddi Gershengoren. Seine Tschernobyl-Serie rüttelt auf, ist in tristem Grau gehalten und beeindruckt mit der Hoffnungslosigkeit, die von diesem Werk ausgestrahlt wird.
Nicht anders geht Andrey Vahrushew zu Werke, der ebenfalls eine Alltagssituation zum Anlass nimmt, um eine weit über das aktuelle Bildgeschehen hinausreichende Story zu erzählen. Er lebt in der Stadt, doch persifliert er nicht das Landleben, sondern stellt es als einen Weg zum persönlichen Glück fast etwas verklärt dar, wenn er das Bauerkind in "Potato" in eine Kartoffel beißen lässt.
Die Weltabgewandtheit der beiden jungen Nonnen im Kloster im Bild "Forgiveness" der Künstlerin Natalia Ciobanu wird durch den scheuen Blick der rechten Nonne auf eine für sie ganz andere Welt  relativiert. Nichtsdestotrotz steht im bewusst leicht unscharfen Hintergrund die mächtige Institution der Kirche mit ihrem klaren Ordensreglement, das individuelle Freiheiten zugunsten des Wohles der Ordensvereinigung ins Hintertreffen rückt.
Irakly Shanidze ist in diesem Genre unerreicht. Er zeigt die russische Wahrheit, ungeschminkt und ohne Rücksicht auf Moral und Anstand. "Morning in the mountains" zeugt von einer heißen Nacht der anderen Art. Maxim Sauco aus dem fernen Irkutsk treibt die Gesellschaftskritik auf die Spitze, in dem er höchst provokante Bildinhalte perfekt verpackt.  Darin liegt die Meisterschaft der beiden letztgenannten Fotografen: als Regisseure ihre Modelle so zu lenken, dass deren Tun als authentisch und wirklichkeitsnah vom Betrachter aufgefasst wird.
Das Künstlerduo HoryMa aus Moskau schlägt in die gleiche Kerbe, doch bedienen sich die beiden Künstler einer ganz anderen Technik. Mittels Lichtzeichnung und extensiver digitaler Bearbeitung wird eine fast luftleere Atmosphäre erzeugt, in der scheinbar aus einem farbintensiven Nichts Körper materialisiert werden. "Touches of heart" thematisiert den in Russland immer noch heiklen Bereich der Homosexualität in einer Weise, die für den Betrachter Interpretationsspielraum lässt und die Emotionalität des Themas klar in den Blickpunkt stellt.
Was zurzeit vom Osten in den Rest der Welt fotografisch exportiert wird, ist etwas, dass nicht nur Unikatscharakter aufweist. Es ist auch etwas, woran wir uns in Österreich neu orientieren könnten. 
    CHH