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20.03.2017

Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick.

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Blick vom Hochhaus in der Herrengasse, um 1935. UNGER und KLEIN GesmbH, Wien

Der Versuch, die Stadt Wien "auf einen Blick" erfahrbar zu machen, fasziniert seit Jahrhunderten. Die Ausstellung "Wien von oben. Die Stadt auf einen Blick" zeigt anhand von rund 150 Objekten, wie sich Gesamtdarstellungen Wiens vom 15. Jahrhundert bis heute entwickelt haben und welche unterschiedlichen Funktionen sie übernehmen können. Wo: Wien Museum Karlsplatz, 1040 Wien. Wann: 23.3.-17.9.2017,Di-So und Feiertag 10-18 Uhr

Klaus Lorbeer

Gesamtansichten sind ein zentrales visuelles Medium und ein wichtiger Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Stadt. 

Die letzte große Überblicksschau von kartografischen Wien-Darstellungen fand 1995 im damaligen "Historischen Museum der Stadt Wien" statt. Mehr als 20 Jahre danach werden nun etliche der ältesten, größten und berühmtesten Pläne, Panoramen und Vogelschauen Wiens wieder in einer Ausstellung gezeigt – diesmal im Zusammenspiel mit anderen Formen der Gesamtdarstellung wie Modellen, zeitgenössischen künstlerischen Positionen oder alltäglichen Designprodukten. Aus der Gegenüberstellung von Alt und Neu, von historischen Kostbarkeiten und Gebrauchsware, von Kunstwerken und "Counter-Maps" erschließt sich das Thema in unzähligen Facetten und Varianten.

Die Ausstellung ist in vier Bereiche gegliedert: "Vermessen und Darstellen", "Repräsentieren und Idealisieren", "Beherrschen und Ordnen", "Emanzipieren und Experimentieren" und orientiert sich damit an Prinzipen, die wesentlich in der Entstehung oder Verwendung von Gesamtdarstellungen der Stadt sind. Es werden nicht nur Fragen nach Vollständigkeitsanspruch, Selektion und Symbolisierung gestellt, sondern auch die sich ständig verändernden technischen Möglichkeiten thematisiert. Außerdem geht die Ausstellung der Rolle von Macht und gesellschaftlichen Verhältnissen im Zusammenhang mit der Entstehung von Stadtdarstellungen auf den Grund. Bewusst verzichteten die Kuratoren auf eine chronologische Ordnung der Objekte: Diese würde eine scheinbar lineare, vom Fortschrittsgedanken geprägte Entwicklung hin zu maximaler Genauigkeit und "Objektivität" suggerieren – und gerade diese Betrachtungsweise wollte man hinterfragen. Zugleich decken die meisten der in der Ausstellung gezeigten Objekte die unterschiedlichsten Facetten ab: Die Zuordnung zu einem bestimmten Kapitel bedeutet daher keineswegs, dass die jeweiligen Objekte nur unter dem dort thematisierten Aspekt zu lesen sind.


Vermittlungsprogramm, Instagram-Präsentation, "Jumpcube"

Zur Schau erscheint ein 240-seitiger Katalog im Metroverlag. In Zusammenarbeit mit der Akademie der Bildenden Künste Wien und mit dem Bundesoberstufenrealgymnasium Landstraßer Hauptstraße sind experimentelle Vermittlungsprogramme zum Thema entwickelt worden. Weiters hat das Wien Museum aus Anlass der Ausstellung eine Instagram-Challenge unter dem Hashtag #wvo17 gestartet, die besten Fotos werden in einer gesonderten Präsentation im Erdgeschoß gezeigt (Kooperationspartner: Instagramers Austria, Instagramers Vienna, Fabolus Vienna). Am ersten Wochenende nach Ausstellungseröffnung (25./26. März) wartet darüber hinaus eine zusätzliche Attraktion: In Kooperation mit der TU Wien können BesucherInnen einen spektakulären virtuellen Fallschirmsprung auf Wien erleben. Der an der TU Wien von Prof. Horst Eidenberger und seinem Team entwickelte "Jumpcube" kombiniert ein ausgeklügeltes Seilsystem mit einer 3D-Brille und Kopfhörern. Drei Minuten dauert die rasante Reise, bei der Hunderte Gigabyte von Datenmaterial verarbeitet werden, um die Stadt detailgetreu abbilden zu können. Als Teaser zur Ausstellung steht beim Stiegenaufgang der Panoramaterminal "Zacturn Sphere" (in Kooperation mit der MA 18), der einen weit weniger schweißtreibenden digitalen Flug über die Stadt vermittelt. Die Universität für angewandte Kunst Wien wird ab Juni eine große Wandmalerei im Atrium des Wien Museums zeigen.

Das Wien Museum beschreibt die vier Bereiche der Ausstellung folgendermaßen:


Wien auf einen Blick?

Das erste Kapitel ("Vermessen und Darstellen") der Ausstellung widmet sich zunächst dem Totalitätsanspruch von Gesamtdarstellungen. Wer die Stadt als Ganzes abbilden will, ist per se zum Scheitern verurteilt. Stadtansichten und Pläne befinden sich stets im Spannungsfeld zwischen Vollständigkeitsanspruch und Fragmentierung, zwischen Wirklichkeitstreue und Ideal. Sie sind, wenn auch in unterschiedlichem Maß, eine Mischung aus Abbild und Sinnbild und somit stets Konstrukte. So erfolgte selbst bei detailgetreu wirkenden Vogelschauen notgedrungen die kunstvolle Reduzierung einer komplexen Realität, die oft mit einer Idealisierung und Harmonisierung einherging. Auch die genauesten modernen Stadtpläne bilden nie das "reale" Territorium ab, sondern sind interessensgeleitet und selektiv. "Gerade dieser Umstand macht die Resultate der verschiedenen Versuche so spannend", so die Ausstellungskuratoren Sándor Békési und Elke Doppler. "Denn die immer partiellen Wahrheiten reflektieren Politik, Ideologie, Technologie und Ästhetik ihrer Entstehungszeit."

"Das ist die stat Wienn" schrieb der Zeichner des "Albertinischen Plans" in sein Werk. Die kolorierte Federzeichnung aus dem 15. Jahrhundert ist nicht nur der älteste Plan Wiens, sondern – trotz des oben zitierten Ganzheitsanspruches – zugleich ein Beispiel für radikale Selektion: Im Wesentlichen ist die Stadt eine weiße Fläche, eingezeichnet sind nur die wichtigsten Gebäude wie Ringmauer, Kirchen, Klöster und Spitäler. Die älteste Vogelschau Wiens aus dem frühen 17. Jahrhundert, der sogenannte Hoefnagel-Plan, wiederum besticht durch seinen hohen Detailreichtum – und die technische Raffinesse der Anfertigung, war doch der "Blick" von einer Anhöhe im Norden Wiens rein fiktiv. Erst die Ballonfahrten schufen die Voraussetzungen, jene Perspektive in der Realität einzunehmen, die in den faszinierenden Vogelschauen suggeriert wird. Ein weiteres Highlight in diesem Kapitel ist der dekorative "Vogelschauplan der Stadt Wien mit ihren Vorstädten" von Joseph Daniel von Huber aus den Jahren 1769-1773, der aus Anlass einer damals schon angedachten Stadterweiterung gezeichnet wurde und die Stadt in all ihrer Größe inszeniert.

Stets ein entscheidender Aspekt ist der Umgang mit den Grenzen der Stadt, gerade angesichts der sich ständig erweiternden Stadt und der Suburbanisierung. So bestand Wien bis 1850 offiziell ausschließlich aus dem heutigen Ersten Bezirk, doch erstreckten sich juristische, fiskalische oder polizeiliche Grenzen weit darüber hinaus. Administrative Grenzen vermitteln jedenfalls das Bild der Stadt als kontrolliertes, in sich geschlossenes Gebiet. Weitere Aspekte in diesem Abschnitt der Ausstellung sind die Reduktion als notwendige Voraussetzung für die Lesbarkeit von Plänen sowie die visuelle Gestaltung von Karten. Kunstvolle Rahmungen mit Veduten, wie sie traditionellerweise gepflegt wurde, Leitsysteme für moderne Städte oder der Design-Appeal von zeitgenössischen Lifestyle-Karten machen deutlich, dass die visuelle Gesamtdarstellung von Stadt niemals neutral ist.


Prächtig, mächtig, identitätsstiftend

Im zweiten Bereich der Ausstellung ("Repräsentieren und Idealisieren") wird der Fokus auf die Schaffung von Images gelenkt. Städtebilder hatten seit dem 16. Jahrhundert häufig eine repräsentative Funktion. Befestigungspläne und Schlachtenbilder sollten zum Beispiel den Charakter einer uneinnehmbaren, siegreichen Festungsstadt vermitteln. Die berühmten Veduten wiederum sind nicht nur präzise Abbilder der Stadt, sondern zugleich identitätsstiftende Konstruktionen mit hohem politischem Symbolwert – und das bis heute, wie man an den Diskussionen über das Stadtbild sehen kann, in denen die Bewahrung des Bellotto-Blickes beschworen wird.

Als idealtypisch galt der Blick vom Leopoldsberg bzw. Kahlenberg, wobei hier die umgebende, idyllische Landschaft buchstäblich in den Vordergrund tritt und die Stadt nur aus der Ferne erkennbar ist. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten Wien-Veduten einen ungeheuren Aufschwung, doch auch Künstler im 20. und 21. Jahrhundert greifen den Blick von den Wiener "Hausbergen" auf. In Hermann Kosels Entwurf für ein Fremdenverkehrsplakat aus dem Jahr 1936 stiehlt die soeben fertig gestellte, prestigeträchtige Höhenstraße (mit flitzendem Cabrio) zu Füßen des Betrachters der in der Ferne liegenden Stadt beinahe die Show. Einen düsteren Ausblick vom Leopoldsberg zeigt eine Fotoarbeit des deutsch-amerikanischen Künstlers Florian Maier-Aichen, die für die Ausstellung entstand und vom Verein der Freunde des Wien Museums für die Sammlung angekauft wurde: Aufgenommen aus einem Helikopter aus 1200 Metern, zitiert die schwarz-weiße, surreal verfremdete Negativansicht Elemente klassischer Landschaftsdarstellungen.

Vor allem im Bereich der kommerziellen und touristischen Vermarktung spielen repräsentative und kanonisierte Darstellungen von Wien bis heute eine große Rolle. Gleichzeitig können sich Stadtbilder, die bestimmte Ereignisse wie Erdbeben oder Krönungszeremonien darstellen oder in nostalgischer Absicht ein bestimmtes Bild der Stadt konservieren wollen, in das kollektive Gedächtnis einschreiben.


Die umkämpfte und die verwaltete Stadt

Gesamtdarstellungen der Stadt entstanden anfangs häufig im militärischen Kontext: als Befestigungspläne, Kriegskarten oder Schlachtenbilder. So werden im dritten Teil der Ausstellung ("Beherrschen und Ordnen") einige Highlights aus der Museumssammlung präsentiert, die aus der Zeit der Belagerungen durch die Osmanen stammen. 1529 entstand der einzigartige "Meldeman-Plan", ein Bildbericht der militärischen Ereignisse mit Hunderten von Szenen und bisweilen kuriosen Details. Die wehrhafte Stadt Wien im Jahr 1683 ist Motiv der berühmten Vogelschau des Niederländers Folbert van Ouden-Allen: Die Spuren der osmanischen Belagerung sind ausgeblendet, Wien präsentiert sich makellos und unverwüstlich.

Stadtpläne waren lange Zeit ein elitäres Medium. Kontrolle über Karten bedeutete die Kontrolle über das ihnen zugrundliegende Wissen. Vervielfältigte Karten wurden daher immer wieder verfälscht, so etwa auch der "Huber-Plan" aus dem 18 Jahrhundert, in dem die Stadtbefestigung nicht korrekt wiedergegeben wurde, um militärische "Geheimnisse" nicht preiszugeben (und das, obwohl die Zeit der Festungskriege längst vorbei war).

Die zunehmende Rationalisierung und Kontrolle des modernen Stadtraums brachte eine funktionalistische Ordnung mit sich, die sich deutlich in Stadtdarstellungen niederschlägt. Polizeirayons wurden festgelegt, der gründerzeitliche Bauboom kartografisch erfasst, die Gemeindebauten verzeichnet (und dabei die nicht erwünschten Realitäten der Stadt einfach ausgeblendet). Eine bislang unbekannte Karte über "Hofquartiere" (Dienstwohnungen für Bedienstete des Kaiserhofs) aus dem Jahr 1748 stellt die erste Aufnahme Wiens mit einer vollständigen Häusernummerierung dar.

Mit der wachsenden Stadt und der zunehmenden Mobilisierung gerät die Orientierungsfunktion von Karten zunehmend in den Mittelpunkt. So brauchte es ab 1900 bereits Buchpläne, um das gesamte Stadtgebiet abdecken zu können. Eine wesentliche Funktion übernahmen Karten auch bei der Darstellung von Visionen der Stadt: In der Ausstellung zu sehen sind u.a. Pläne für Wien aus der NS-Zeit sowie utopische Entwürfe, etwa von Hans Hollein und der arbeitsgruppe 4.


Wien "von unten"

Die künstlerische Aneignung von Stadt(darstellungen) führt zum vierten und finalen Bereich der Ausstellung ("Emanzipieren und Experimentieren"). Lange Zeit war der "Blick von oben" ein privilegierter. Doch der gesellschaftliche Wandel und die technischen Möglichkeiten haben diese historische Konstante deutlich relativiert. Nie war der mediale Blick auf die Stadt in ihrer "Gesamtheit" so alltäglich und allgegenwärtig wie heute. Ist er aber im selben Maße demokratischer geworden?

Als ein Beispiel für die Individualisierung von Stadtdarstellungen ist in der Ausstellung u.a. ein "Konzeptkunstprojekt" von Olga Kraft aus dem Jahr 1984 zu nennen. Die damalige Studentin verzeichnete auf zwölf Monatsblättern sämtliche individuellen Wege in der Stadt ein Jahr lang, Tag für Tag.

Von der persönlichen Aneignung zur Kritik am herrschenden Stadtgefüge ist es oft nur ein Schritt. So schreiben sogenannte "Counter-Maps" alternative Informationen und bislang Unsichtbares ins Stadtbild ein, wie eine "Schleichwege"-Karte der Radfahrer-Organisation ARGUS aus dem Jahr 1984 beweist. Das zeitgenössische Pendant dazu sind digitale "Heat-Maps", etwa jene der "Bike Citizens Österreich", die die anonymisierten Daten von Radfahrern und Radfahrerinnen in Wien dazu nützt, die tatsächlich genutzten Straßen und (Rad-)Wege darzustellen – ein interaktives Verfahren, das auch der Stadtplanung wertvolle Informationen liefern kann.

Im Rahmen des Kooperationsprojekts mit der Akademie der Bildenden Künste Wien und mit dem Bundesoberstufenrealgymnasium Landstraßer Hauptstraße nähern sich Schüler/inn/en und Student/inn/en in ihren "Mental Maps" der Stadt eher vom Grätzl und vom Rand her. Besucherinnen und Besucher haben schließlich die Möglichkeit, ihre persönlichen Erfahrungen zum Thema einzubringen. Im Laufe der Ausstellung entsteht mit der "Karte der Gefühle" ein Verzeichnis jener Orte, an denen Wien besonders lustvoll, gefährlich, freudig oder ärgerlich ist. Einen interaktiven Schlusspunkt setzt der Lego-Tisch in Wien-Form, ein Kunstwerk von Jun-Yang, das zum Mitspielen einlädt.