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Pixel.Talk: Bildbearbeitung ist kreative Freiheit

Cliff Kapatais, Fotograf, Autor und Event-Veranstalter. cliff@pixelcoma.com (c) Cliff Kapatais

Cliff Kapatais, Fotograf, Autor und Event-Veranstalter. cliff@pixelcoma.com (c) Cliff Kapatais

Ein gutes Foto entsteht nicht nur beim Klick auf den Auslöser. In der Nachbearbeitung beginnt oft die eigentliche Magie: Farben werden angepasst, Bildausschnitte verfeinert, Lichtstimmungen betont oder verändert. Die Bildbearbeitung ist ein künstlerisches Werkzeug – vergleichbar mit dem Schnitt im Film oder dem Mastering in der Musik.

Ein Bild „entwickeln“, wie früher im Labor, ist heute digital – und kein Betrug. Im Gegenteil: Es ist ein Teil des kreativen Prozesses. Wer seine Vision konsequent umsetzt, darf jedes Werkzeug nutzen, das zur Verfügung steht. 

Retusche ist oft der Standard

In der Werbe- und Modefotografie ist Retusche nicht optional – sie ist Teil des Jobs – Hautunreinheiten, Falten im Stoff, störende Reflexionen: Diese Dinge werden professionell entfernt. Kunden erwarten ein makelloses Ergebnis.

Auch im E-Commerce, bei Beauty-Produkten oder in der Gastronomie-Fotografie wird fast jedes Bild bearbeitet. Oft unauffällig, manchmal massiv – aber immer mit dem Ziel, ein perfektes Produktbild zu liefern. Es geht um Wirkung, nicht um Wahrheit.

KI und neue Tools machen Bearbeitung zugänglicher

Neue Tools wie Photoshop AI, Luminar, Retouch4me oder Smartphone-Apps wie Lightroom Mobile machen professionelle Bildbearbeitung so einfach wie nie. Man braucht keine zehn Jahre Erfahrung mehr, um Hauttöne zu optimieren oder störende Elemente zu entfernen. Das senkt die Einstiegshürde und ermöglicht es mehr Menschen, ihre Bilder gezielt zu verbessern.

Und: KI-gesteuerte Bearbeitung kann auch inklusiver sein – Hauttöne besser abbilden, Lichtprobleme lösen, ohne gleich auf die „Glättungskeule“ zu setzen. Technik, richtig genutzt, kann mehr Authentizität bringen, nicht weniger.

Der Look wird glatt, austauschbar und unehrlich

So groß die Möglichkeiten sind – es gibt auch Schattenseiten. Viele Bilder wirken heute generisch: zu sauber, zu perfekt, zu glatt. Der Trend geht zur makelosen Haut, zur perfekten Proportion, zur Inszenierung. Was früher als „Hochglanz“ galt, ist heute Mainstream.

Gleichzeitig entsteht durch übertriebene Retusche ein gesellschaftliches Problem: unrealistische Schönheitsideale. Wenn selbst natürliche Portraits bis zur Unkenntlichkeit bearbeitet werden, verlieren wir den Bezug zur Realität. Und das betrifft nicht nur Modebilder – auch bei Influencern und Influencerinnen, Schulfotos oder Portraits für LinkedIn herrscht oft ein hoher Retuschestandard, über den niemand spricht.

Viele Fotografinnen und Fotografen haben deshalb begonnen, ihre Bildbearbeitung zu verstecken – aus Angst, als „fake“ oder unehrlich zu gelten. Der Begriff „authentisch“ ist zum Qualitätsmerkmal geworden. Doch was bedeutet das eigentlich? Ist ein Bild ohne Retusche automatisch ehrlicher?

Ehrliche Bildbearbeitung ist keine Schwäche

Bildbearbeitung ist weder gut noch schlecht – sie ist ein Werkzeug. Wie bei jedem Werkzeug kommt es darauf an, wie man es einsetzt. Retusche kann stärken, betonen, veredeln – oder täuschen, glätten, manipulieren. Die Verantwortung liegt bei uns.

Wichtig ist: Transparenz! 

Wenn Bilder stark bearbeitet wurden – warum nicht dazu stehen? Wer seine Bearbeitung zeigt, schafft Vertrauen. Wer sie versteckt, trägt zur Unsicherheit bei.

Die Lösung ist nicht „weniger Bearbeitung“, sondern ein bewusster Umgang damit. Nicht kaschieren – erklären. Nicht glätten – gestalten. Nicht schämen – zeigen, was möglich ist.

Was ist Ihre Meinung zum Thema Retusche? Ist sie Bestandteil Ihrer Fotografie und Qualitätsmerkmal? Oder sind Ihre Bilder unretuschiert? 

Schreiben Sie mir unter pixel.talk@fotoobjektiv.at