Aktuell Termine

Hans Hansen – der große Unbekannte

Hans Hansen für Volkswagen 1988 Foto: Hans Hansen

Hans Hansen für Volkswagen 1988 Foto: Hans Hansen

Als ich den Ausstellungsraum betrete, fühle ich mich unmittelbar in die Zeit meines Fotografiestudiums an der Graphischen in Wien zurückversetzt. Im Zentrum der Ausstellung steht sein eigenes Studio, originalgetreu nachgestellt. Fein säuberlich aufgereihtes Fotoequipment, Leinwände und eine Großformatkamera. Der Blick durch die Mattscheibe versetzt mich zurück an meine eigenen fotografischen Anfänge.

Und dann die Erkenntnis: Wie kann es sein, dass ich den Namen des Meisters des perfekten Großformat Studiobildes nicht kenne?

Emblematisch steht dafür gleich das erste Bild der Ausstellung. Auf der Mattscheibe der Kamera erscheint Hans Hansen selbst, nur als schemenhafter Schatten.

Vitra, 1997 Foto: Hans Hansen
Vitra, 1997 Foto: Hans Hansen

Dass ich seinen Namen so lange nicht mit seinen Bildern verbunden habe, hat viel mit seiner Haltung zur Fotografie zu tun. Hansen stellt immer das Bild in den Vordergrund, nicht sich selbst. Nach seinem Motto „Was zählt, ist ein gutes Bild“, widmet er seine ganze Aufmerksamkeit der präzisen Beobachtung und nicht der Selbstdarstellung.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum ein Fotograf von solcher Bedeutung vergleichsweise unbekannt geblieben ist.

Dabei kenne ich seine Bilder. Und das gut. Schon sehr lange. Ohne es zu wissen, hat er mich in meinem eigenen fotografischen Stil geprägt.

Hans Hansen, 1940 in Bielefeld geboren, studierte zunächst Grafikdesign an der Kunsthochschule in Düsseldorf. Da Fotografie in Deutschland zu dieser Zeit noch nicht selbstverständlich als eigenständige künstlerische Disziplin etabliert war, wurde Hansen weitgehend zum Autodidakten.

Kaum zu glauben, wenn man seine technische Präzision betrachtet. In der Ausstellung liegen seine Notizen aus, Aufzeichnungen über Lichtaufbauten, Belichtungen und Filme. Eigentlich müsste man sie als Lehrbücher herausgeben und jedem Fotografiestudenten als Pflichtlektüre in die Hand geben. Denn darin zeigt sich eine handwerkliche Perfektion, die immer der Suche nach der richtigen fotografischen Lösung für ein Motiv dient.

Seit den 1960er Jahren gehört Hansen zu den erfolgreichsten Werbefotografen der Bundesrepublik. Seine Karriere beginnt mit Reisereportagen für Lufthansa. Schon bald widmet er sich aber den Objekten und wird schnell zu einem der gefragtesten Produktfotografen der Bundesrepublik. Langjährige Kooperationen mit Marken wie Vitra, Mercedes Benz und Volkswagen verhalfen den Marken zu prägenden visuellen Auftritten.

Hans Hansen: "Selbstportrait", 2002 Foto: Hans Hansen
Hans Hansen: „Selbstportrait“, 2002 Foto: Hans Hansen

Seine Themen sind vielseitig, seine Bildsprache dagegen konsequent. Sie ist geprägt von einer minimalistischen Reduktion. Hansen untersucht Formen, Oberflächen und Materialien bis ins kleinste Detail. Er fotografiert Dinge nicht einfach ab, sondern versucht, ihr Wesen sichtbar zu machen.

Der Glasdesigner Tapio Wirkkala soll Hansen einmal geraten haben: „Machen Sie kein Foto von dem Objekt, sondern über das Objekt.“

Ein Satz, den sich Hansen zu Herzen genommen hat und seine Handschrift ziemlich genau beschreibt. Dabei macht er keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen freier und angewandter Fotografie. Ob Auftrag oder eigenes Projekt, im Mittelpunkt steht immer das Bild. 

Man sieht sie in seinen vielfältigen und oft verblüffenden Kompositionen. Berühmt ist etwa seine Darstellung eines vollständig in seine Einzelteile zerlegten VW Golf. Auch seine Fotografien von Glasobjekten wirken bisweilen, als stammten sie aus einer anderen Dimension.

Ich selbst kenne Hansen vor allem aus Zeitschriften wie dem ZEITmagazin oder dem Greenpeace Magazin. Seine extremen Vergrößerungen oder hauchdünn aufgeschnitten Lebensmittel, von hinten durchleuchtet und beinahe, wie bei einer forensischen Untersuchung präsentiert, verwandeln Erdbeeren oder ein mit Marmelade bestrichenes Brot zuweilen in eine fremdartige Landschaft.

Die präzisen Notizen von Hans Hansen sind in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Foto: Lucia Bartl
Die präzisen Notizen von Hans Hansen sind in der Ausstellung ebenfalls zu sehen. Foto: Lucia Bartl

Genau darin liegt für mich seine große Stärke: Hansen zeigt uns nicht einfach, was wir sehen. Er verändert unsere Art, etwas wahrzunehmen.

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg betreut seit 2021 seinen Vorlass und widmet dem in Hamburg lebenden und arbeitenden Fotografen nun eine große Retrospektive.

Bei der Eröffnung wurde Hansen als „hanseatische Bescheidenheit mit Weltklasse“ beschrieben. Treffender kann man ihn kaum charakterisieren.

Ein (mir) unbekannter Meister des Objekts, des Lichts und des Großformats mit weltweiter Strahlkraft. 

Ein Fotograf, der sich selbst hinter seinem Bild zurücknimmt. Und für mich persönlich eine späte Entdeckung, obwohl ich seine Bilder schon seit Jahren kenne.

Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis dieser Ausstellung: : Manchmal findet man ein fehlendes Puzzlestück und versteht dadurch besser, was einem zu dem Fotografen gemacht hat, der man heute ist.

Zu entdecken ist dieser große Unbekannte noch bis zum 1. November. Eine Verlängerung ist wahrscheinlich. Es lohnt sich besonders dann, wenn man verstehen möchte, wie viel fotografisches Denken hinter einem scheinbar perfekten Bild steckt.

Ausstellung: »Foto: Hans Hansen« 
Ort: MK&G, Hamburg, noch bis 1. 11. 2026
Wann: Di–So 10-18 Uhr, Do 10–21 Uhr
www.mkg-hamburg.de/ausstellungen/foto-hans-hansen