Lucia Bartl ist Fotografin & Filmemacherin (c) Archiv Lucia Bartl
Nach ihrer umfassenden Renovierung in den 2010er Jahren sind die weitläufigen Pavillons zu einem lebendigen Kulturkomplex geworden. Neben der Architektur- und Kunstuniversität hat sich hier ein Zentrum für zeitgenössische Kunst etabliert und seit Januar dieses Jahres auch das neue Centro della Fotografia. Auf zwei Ebenen entfaltet sich ein beeindruckender Ausstellungsraum, der Großzügigkeit mit einer rauen, fast asketischen Atmosphäre verbindet.
Foto: Lucia Bartl
Die Eröffnungsausstellung bildet eine umfassende Retrospektive eines Fotografen, dessen Bilder sich tief ins visuelle Gedächtnis eingeschrieben haben: Irving Penn.
Die Klarheit der Form
Selbst wer den Namen Irving Penn nicht sofort einordnen kann, kennt seine Fotografien. Geboren 1917 in New Jersey, begann er in den 1940er Jahren für die amerikanische Vogue zu arbeiten, eine Zusammenarbeit, die über vier Jahrzehnte andauern sollte.
Seine ikonischen Modeaufnahmen sind Studien der Reduktion. Als Meister der Studiofotografie eliminierte Penn alles Überflüssige. Vor neutralen, oft nahezu leeren Hintergründen konzentrierte er sich auf das Wesentliche: Silhouette, Struktur, Komposition. In seinen Bildern werden die Entwürfe von Christian Dior und Christobal Balenciaga zu reinen Formen. Mode verwandelt sich in Skulptur.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Lisa Fonssagrives, eines der ersten Supermodels und Penns spätere Ehefrau. Ihre Zusammenarbeit brachte Bilder hervor, die bis heute als Inbegriff der Modefotografie der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahre gelten.
Auch die langjährige Zusammenarbeit mit Issey Miyake zeigt Penns außergewöhnliche Fähigkeit, Mode nicht nur abzubilden, sondern zu interpretieren. Miyake sandte ihm seine Entwürfe – Penn verwandelte sie in eigenständige visuelle Aussagen. „Er zeigt mir, was ich geschaffen habe“, wird Miyake in der Ausstellung zitiert.
Doch nicht nur seine herausragende Modefotografie machen Penn zu einem der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.
Foto: Lucia Bartl
Die Corner Portraits
Ende der 1940er Jahre erhielt Penn vom damaligen Art Director der Vogue, Alexander Liberman, den Auftrag, eine Portraitserie bedeutender Persönlichkeiten zu realisieren. In einer Zeit, in der sich zahlreiche Künstler und Intellektuelle im New Yorker Exil befanden, entwickelte Penn ein ebenso einfaches wie geniales Setting: Zwei Stellwände und ein alter Theaterteppich formten eine enge, spitz zulaufende Ecke.
In diesem reduzierten Raum entstanden einige der eindringlichsten Portraits des 20. Jahrhunderts. Persönlichkeiten wie Édith Piaf, Salvador Dalí oder Pablo Picasso erscheinen darin gleichermaßen exponiert und gefasst. Die räumliche Begrenzung erzeugt Spannung und zugleich eine unerwartete Intimität. Penns radikale Reduktion legt den Charakter seiner Modelle frei. Seine klare Lichtführung macht seine Modelle gleichzeitig nahbar und verletzlich.
Foto: Lucia Bartl
Neugier als Prinzip
„Alles, was ich lange genug betrachte, davon werde ich besessen.“ Dieses Zitat zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Ausstellung und erklärt Penns künstlerische Bandbreite.
Schon früh überschritt er die Grenzen der Modefotografie. Während seiner ersten Aufträge in Peru blieb er wochenlang in Cusco, richtete sich ein Studio ein und porträtierte die lokale Bevölkerung. In der Serie Small Trades widmete er sich Handwerkern und Arbeitern – frontal, sachlich, mit einer Würde, die an August Sander erinnert.
Penn unterschied nicht zwischen Haute Couture und Alltagsmotiven. In seinen Still Lifes inszenierte er Lippenstifte mit genauso viel Detailverliebtheit wie Mozzarella mit Oliven (natürlich darf dieses Bild in Italien nicht fehlen!).
Die Retrospektive im Centro della Fotografia ist mehr als eine Hommage an einen großen Fotografen. Sie ist eine Einladung, das Sehen neu zu lernen.
Die Retrospektive im Centro della Fotografia ist mehr als eine Hommage an einen großen Fotografen. Sie ist eine Einladung, das Sehen neu zu lernen. Penns Werk zeigt uns die Schönheit und Zeitlosigkeit in ihrer Reduktion. Wie kein anderer Fotograf setzte er Standards und gilt vielen heutigen Fotografen als Idol und Vorbild.
Wer bis Ende Juni nach Rom reist, sollte diese Ausstellung nicht verpassen. Doch auch darüber hinaus lohnt sich der Weg ins Mattatoio. Das Centro della Fotografia etabliert sich hier als ein Ort, den man im Blick behalten sollte.
Nach ihrer umfassenden Renovierung in den 2010er Jahren sind die weitläufigen Pavillons zu einem lebendigen Kulturkomplex geworden. Neben der Architektur- und Kunstuniversität hat sich hier ein Zentrum für zeitgenössische Kunst etabliert und seit Januar dieses Jahres auch das neue Centro della Fotografia. Auf zwei Ebenen entfaltet sich ein beeindruckender Ausstellungsraum, der Großzügigkeit mit einer rauen, fast asketischen Atmosphäre verbindet.
Die Eröffnungsausstellung bildet eine umfassende Retrospektive eines Fotografen, dessen Bilder sich tief ins visuelle Gedächtnis eingeschrieben haben: Irving Penn.
Die Klarheit der Form
Selbst wer den Namen Irving Penn nicht sofort einordnen kann, kennt seine Fotografien. Geboren 1917 in New Jersey, begann er in den 1940er Jahren für die amerikanische Vogue zu arbeiten, eine Zusammenarbeit, die über vier Jahrzehnte andauern sollte.
Seine ikonischen Modeaufnahmen sind Studien der Reduktion. Als Meister der Studiofotografie eliminierte Penn alles Überflüssige. Vor neutralen, oft nahezu leeren Hintergründen konzentrierte er sich auf das Wesentliche: Silhouette, Struktur, Komposition. In seinen Bildern werden die Entwürfe von Christian Dior und Christobal Balenciaga zu reinen Formen. Mode verwandelt sich in Skulptur.
Eine zentrale Rolle spielt dabei Lisa Fonssagrives, eines der ersten Supermodels und Penns spätere Ehefrau. Ihre Zusammenarbeit brachte Bilder hervor, die bis heute als Inbegriff der Modefotografie der späten 1940er- und frühen 1950er-Jahre gelten.
Auch die langjährige Zusammenarbeit mit Issey Miyake zeigt Penns außergewöhnliche Fähigkeit, Mode nicht nur abzubilden, sondern zu interpretieren. Miyake sandte ihm seine Entwürfe – Penn verwandelte sie in eigenständige visuelle Aussagen. „Er zeigt mir, was ich geschaffen habe“, wird Miyake in der Ausstellung zitiert.
Doch nicht nur seine herausragende Modefotografie machen Penn zu einem der wichtigsten Fotografen des 20. Jahrhunderts.
Die Corner Portraits
Ende der 1940er Jahre erhielt Penn vom damaligen Art Director der Vogue, Alexander Liberman, den Auftrag, eine Portraitserie bedeutender Persönlichkeiten zu realisieren. In einer Zeit, in der sich zahlreiche Künstler und Intellektuelle im New Yorker Exil befanden, entwickelte Penn ein ebenso einfaches wie geniales Setting: Zwei Stellwände und ein alter Theaterteppich formten eine enge, spitz zulaufende Ecke.
In diesem reduzierten Raum entstanden einige der eindringlichsten Portraits des 20. Jahrhunderts. Persönlichkeiten wie Édith Piaf, Salvador Dalí oder Pablo Picasso erscheinen darin gleichermaßen exponiert und gefasst. Die räumliche Begrenzung erzeugt Spannung und zugleich eine unerwartete Intimität. Penns radikale Reduktion legt den Charakter seiner Modelle frei. Seine klare Lichtführung macht seine Modelle gleichzeitig nahbar und verletzlich.
Neugier als Prinzip
„Alles, was ich lange genug betrachte, davon werde ich besessen.“ Dieses Zitat zieht sich wie ein Leitmotiv durch die Ausstellung und erklärt Penns künstlerische Bandbreite.
Schon früh überschritt er die Grenzen der Modefotografie. Während seiner ersten Aufträge in Peru blieb er wochenlang in Cusco, richtete sich ein Studio ein und porträtierte die lokale Bevölkerung. In der Serie Small Trades widmete er sich Handwerkern und Arbeitern – frontal, sachlich, mit einer Würde, die an August Sander erinnert.
Penn unterschied nicht zwischen Haute Couture und Alltagsmotiven. In seinen Still Lifes inszenierte er Lippenstifte mit genauso viel Detailverliebtheit wie Mozzarella mit Oliven (natürlich darf dieses Bild in Italien nicht fehlen!).
Die Retrospektive im Centro della Fotografia ist mehr als eine Hommage an einen großen Fotografen. Sie ist eine Einladung, das Sehen neu zu lernen. Penns Werk zeigt uns die Schönheit und Zeitlosigkeit in ihrer Reduktion. Wie kein anderer Fotograf setzte er Standards und gilt vielen heutigen Fotografen als Idol und Vorbild.
Wer bis Ende Juni nach Rom reist, sollte diese Ausstellung nicht verpassen. Doch auch darüber hinaus lohnt sich der Weg ins Mattatoio. Das Centro della Fotografia etabliert sich hier als ein Ort, den man im Blick behalten sollte.
Iving Penn (1917–2009)
Photographs 1939–2007
Centro della Fotografia noch bis zum 29. Juni 2026
https://www.centrodellafotografia.it/
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